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1. Treffen im SoSe 04 am 28. April 2004
Ursprünglich war für die Sitzung eine kurze Vorstellung von
klassischer und neoklassischer, marxistischer und keynesianistischer
Wirtschaftstheorie in mehreren Referaten geplant. Angesichts der
Tatsache, daß im Gegensatz zur letzten Sitzung die meisten Anwesenden
bereits am Ende des Grund- oder im Hauptstudium waren und die
Grundzüge der genannten Theorien kannten, haben wir dies aufgeschoben.
Leo berichtete, unterstützt durch N.N., über Silvio G(e)sells
Geldtheorie. Lt. diesem deutsch-argentinischen Kaufmann ist Bargeld
die einzige "Sache", für deren Lagerung keine Kosten anfallen und die
im zeitlichen Verlauf nicht entwertet wird (von Inflation abgesehen -
aber diese ist ja eigentlich unerwünscht, weil sie z.B. Ersparnisse
vernichtet). Dadurch wird Geld nicht nur als "Mittler" (C-M-C'),
sondern auch als Wertaufbewahrungsmittel eingesetzt und damit dem
Wirtschaftskreislauf vorübergehend entzogen. Weil die Haltung von
Bargeld kostenfrei ist, müssen Banken etc. Anreize bieten, um Geld
wieder in den Kreislauf einzuschleusen. Dies geschieht in Form von
Zinsen. Dadurch können sich jedoch gleichzeitig nur diejenigen
Unternehmen auf dem Markt halten, die soviel Ertrag erwirtschaften,
daß sie nicht nur ihre sonstigen Kosten, sondern auch die Zinsen für
das Kapital bezahlen können.
G(e)sell stellt dem ein Modell entgegen, Bargeld mit etwa 5-10% p.a.
zu "besteuern" und so die Haltung von Bargeld unattraktiv zu machen.
Angelegtes oder auf Sparkonten gehaltenes Geld wird dagegen nicht
besteuert. Dadurch würden die Zinsen bis auf eine Sicherheits- und
Aufwandsgebühr der Banken gegen Null sinken ("der Zins im Kapital
ersaufen"). Bisher unrentable Unternehmen könnten Kredite aufnehmen
und zu Wachstum und vermehrter Beschäftigung beitragen.
Diese Theorie, die G(e)sell in seinem Hauptwerk von 1910 umschreibt,
wurde vor dem Zweiten Weltkrieg u.a. in dem Städtchen Wörgl
(Österreich) angewandt - mit angeblich beachtlichen Erfolgen ("Wunder
von Wörgl"), bis die Zentralbank der Parallelwährung ein Ende setzte.
In teilweise veränderter Form werden G(e)sells Theorien auf
www.geldreform.net verbreitet; dort wird z.B. behauptet, daß 30% aller
Konsumausgaben für Zinsen "draufgehen" und dadurch die
Vermögensinhaber extreme Vorteile genießen. Eine weitere
Literaturangeabe: G. Heinsohn, O. Steiger: "Eigentum, Zins und Geld -
ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaft".
Darüber hinaus ist in diesem Zusammenhang die Parallelwährung
"Berliner" zu erwähnen, die momentan in Prenzlauer Berg versucht wird
einzuführen. Bislang besteht die Abwertung jedoch in einer 5%igen
Spende für karitative Einrichtungen beim Umtausch; es handelt sich
nicht um einen Geldkreislauf, sondern einen "Vermittler": Konsumenten
tauschen Euro gegen Berliner, zahlen in Berlinern, Unternehmer
tauschen Berliner gegen Euro. Leo hat Kontakt zu mehreren dort
Aktiven, die uns demnächst über das Projekt und die Hintergründe
berichten werden.
Allgemein zeigten alle Teilnehmer großes Interesse daran, sich auch
weiter mit dem Thema "Geld" zu beschäftigen, da trotz der
Thematisierung im Rahmen des Studiums viele Fragen offen bleiben - so
etwa, ob das Exponentialwachstum von Geld durch den Zins nicht
langfristig zu erheblichen Problemen führt. Zu diesem Thema soll also
auch in der nächsten Sitzung diskutiert werden.
Martin Funk
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