Thomas Betz:
Beitrag für die „Zeitschrift für Sozialökonomie“, Ausgabe Juni 2004:
Hans-Werner Sinn: Ist Deutschland noch zu retten?
Econ Verlag (in der Ullstein Buchverlage GmbH, München 2004 (5., korrigierte Auflage), 499 Seiten, ISBN: 3-430-18533-5
Ist Deutschland noch zu retten? Wer weiß. Wer aber wissen will, wo es demnächst langgeht,
der kann sich bei Sinn schon mal vorab informieren: Für ihn ist der Arbeitsmarkt im Würgegriff
der....hemmungslosen Kartellpolitik der Gewerkschaften, die .... herausgeholt haben,
was nur eben ging. .... Es geht auch nicht an, dass sich der Staat noch länger zum Komplizen
der Gewerkschaften macht und ihre Hochlohnpolitik durch den Kündigungsschutz ermöglicht.
.... Das kann so nicht bleiben, das stehen wir nicht durch.
Für völlig unzureichend hält Sinn die läppischen ....Vorschläge der Hartz-Kommission, die
wenig bewirken und niemandem wehtun. Nein, wir brauchen viel stärkeren Tobak: Weniger
Staat und weniger Steuern. .... Eine wirklich radikale Steuerreform. Steuern auf Kapitalerträge
(z.B. Zinsen) verletzen für ihn das Postulat der Gerechtigkeit, weil sie diejenigen, die ihr
Vermögen sparen, statt es sofort zu konsumieren, bestrafen und sind deshalb allenfalls mit
20% anzusetzen. Und weiter: Zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit müssen die
Stundenlöhne fallen. Damit das besser durchgesetzt werden kann: Der gesetzliche Kündigungsschutz
muss fallen und .... sollte nicht nur für Kleinbetriebe, sondern für alle Betriebe
abgeschafft werden, denn .... auf einem sich selbst überlassenen Arbeitsmarkt, der unter Konkurrenzbedingungen arbeitet, bedarf es keines besonderen Kündigungsschutzes, um Arbeitsplatzsicherheit herzustellen, denn auf einem solchen Markt herrscht Vollbeschäftigung.
Unterstützt werden soll die Absenkung der .... künstlich hoch gehaltenen Löhne .... außerdem
durch die Reduzierung der staatlichen Lohnersatzleistungen. Die für 2005 vorgesehene
Abschaffung
der Arbeitslosenhilfe .... reicht aber bei weitem nicht, denn die Sozialhilfe ist viel zu
hoch .... Also runter damit um 33%. Allerdings darf man sich jetzt – so möglich – was dazuverdienen, was ja nicht so schwer sein kann, weil ja jetzt wieder alles boomt. Jedenfalls
kommt es auf die Nachfrage ausdrücklich nicht an. Dies festzustellen, ist Sinn besonders
wichtig und er widmet deshalb der Frage der Nachfrage ein extra Unterkapitel, in dem u.a.
steht: Nein, mehr gesamtwirtschaftliche Nachfrage und mehr Kaufkraft ist es wirklich nicht,
was Deutschland braucht. Alle, die das anders sehen, sind ökonomische Laien und heißenDr.
Fritzchen Müller.
Sinn bezeichnet sich selbst als Arzt der „ökonomischen Schulmedizin“, der in Abgrenzung zu
Homöopathen und Heilpraktikern .... das Skalpell und harte Medikamente verordnet, will für
seine Kinder, denen er sein Buch auch widmet, ein besseres, ein wirklich zukunftsfähiges
Deutschland und beruft sich u.a. auf Willy Brandt, der ihm doch sicher Recht geben, wenn er
noch leben würde, meint er. Fairerweise sei zugestanden, dass die umfangreiche Schrift
durchaus vielgestaltig ist und dass Sinn mit gar Manchem tatsächlich Recht hat: So ist ihm
vollumfänglich zuzustimmen, wenn er konstatiert, dass ganz offensichtlich aufgrund eines
Kunstfehlers die Körperschaftssteuer seit 2001 fast komplett weggebrochen ist und seitdem
Deutschland alleine deshalb mit jährlich 20-25 Mrd. Euro weniger auskommen muss, dass
Subventionen der industriellen Vergangenheit (Kohle) idiotisch sind, dass im Rahmen der
Neugestaltung der Rente Kinderaufzucht bzw. Kinderlosigkeit mit zu berücksichtigen ist,
dass sich die Gewerkschaften in den 60ern und 70ern wohl besser um die Mitbeteiligung
(„Sparlohn“ statt „Barlohn“) als um die Mitbestimmung gekümmert hätten.
Sehr recht hat er auch, wenn er feststellt, ....dass man die wirtschaftliche Vereinigung der beiden Landesteile als gescheitert ansehen kann. Denn: .... die Regierung Kohl hat die wirtschaftliche
Vereinigung mit absurden Versprechungen und irrealen Politikprogrammen vergeigt.
Die Bürger der neuen Länder sind bettelarm in die Marktwirtschaft gekommen, weil
versäumt wurde, das diffuse Volkseigentum des kommunistischen Staates in privatrechtliche
Anspruchstitel umzuwandeln. Es ist der ökonomische Grundfehler der Vereinigungspolitik,
....dass den neuen Bundesbürgern kein Eigentum am ehemals volkseigenen Vermögen zuerkannt,
doch ein viel zu hoher Lohn versprochen wurde. Per deutsch-deutscher Währungsunion
wurden die ostdeutschen Löhne zunächst vervier- bzw. verfünffacht und anschließend in
merkwürdiger Eintracht zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern nochmals verdreifacht.
Damit war man dann die ostdeutsche Konkurrenz nachhaltig los: Der historische Grund für
das offenkundige Misslingen der deutschen Vereinigung liegt im Vorauseilen der Löhne vor
der Produktivität.... Das Ergebnis ist eine Zuschussökonomie, die um fast 50% mehr verbraucht
als sie selbst erzeugt und vom Westen alimentiert werden muss; ein Zustand, der
weltweit einmalig und auch historisch ohne Beispiel ist.
Vor dem Hintergrund seiner Einsicht in die ostdeutsche Misere ist es absolut unverständlich,
dass Sinn nun meint, auch für Gesamt- bzw. für Westdeutschland zu hohe Löhne erkennen zu
müssen. Denn hier liegen die ökonomischen Fakten nicht nur anders, sondern genau anders
herum! Alleine seit dem Fall der Mauer hat sich die Produktivität in Gesamtdeutschland –
also das Verhältnis der erzeugten Güter und Dienstleistungen zur dafür eingesetzten Arbeitszeit
– verdoppelt. Bekanntermaßen kann man das von den Löhnen nicht gerade sagen: Nachdem
die (inflationsbereinigten) Reallöhne seit Kriegsende zwar zunehmend schwächer, aber
eben doch immer angestiegen sind, ist seit Mitte bis Ende der 90-er Jahre eine Tendenz zur
Stagnation zu beobachten; Ergebnis der immer wieder angemahnten „Lohnzurückhaltung“,
jeweils begründet mit der deutschen Wettbewerbsfähigkeit respektive der Standortfrage. Die
Fähigkeit der Deutschen, das von ihnen Erzeugte auch wirklich selber nachzufragen und zu
verbrauchen, wird also immer schwächer, diese Nachfragelücke und die solcherart induzierte
Arbeitslosigkeit also immer größer. Was nimmt es da Wunder, dass das Wachstum zurückgeht
und ebenfalls stagniert? Die deutsche Wachstumsschwäche ist eine Binnenschwäche.
Das bestreitet übrigens auch niemand ernsthaft. Denn über die Erfolge im Exportbereich können
wir uns nicht beklagen: Deutschland ist Weltmeister im Exportieren! Auch preisbereinigt
ist der deutsche Export – u.a. als Ergebnis der „Lohnzurückhaltung“ – in den letzten 5 Jahren
nochmals um fast 50% gestiegen. Kein Land auf der Welt – auch flächen- wie bevölkerungsmäßig viel größere nicht – exportiert mehr als unseres: Allein ein Zehntel des gesamten Welthandels
bestreitet Deutschland ganz alleine. Doch damit nicht genug: Deutschland ist gleich
noch mal Weltmeister; und zwar beim Exportüberschuss! Kein Land auf der Welt liefert an
den Rest der Welt so viel mehr als es vom Rest dieser Welt einkauft. Besonders atemberaubend
wirkt dieses Faktum vor dem Hintergrund der Tatsache, dass mit der ehemaligen DDR
mitten in Deutschland ein Gebiet sitzt, das für sich genommen gewissermaßen Weltmeister
im Importüberschuss (s.o.) ist, was den gesamtdeutschen Exportüberschuss logischerweise
reduziert, der gesamtdeutschen Weltmeisterschaft im Exportüberschuss aber ganz offensichtlich
gar keinen Abbruch tut. Der deutsche Exportüberschuss ist nun auch die Erklärung dafür,
dass die durch die Nachfragelücke im Binnenbereich induzierte deutsche Arbeitslosigkeit
nicht noch viel größer ist. Auch Sinn würde nicht bestreiten können, dass unsere Arbeitslosigkeit
ohne die dramatischen Exportüberschüsse noch dramatisch höher wäre als ohnehin.
Was nun angesichts dieser Ausgangssituation Sinn will – und alle, die Sinn-gemäß argumentieren,
wollen – ist Folgendes: Löhne und staatliche Lohnersatzleistungen werden gesenkt; bei
Sinn also um bis zu 30%, und zwar dergestalt, dass die Absenkung bei den unteren Einkommen
größer ausfällt als bei den höheren. „Stärkere Lohnspreizung“ heißt das. Dabei soll übrigens
der Sinn der Absenkung der Sozialhilfe ausdrücklich darin bestehen, insbesondere auf
die untersten Lohngruppen auszustrahlen; will meinen, den Druck auf sie zu erhöhen. Allerdings
würden die Kapitaleinkommen dadurch zunehmen. Das müsse man in Kauf nehmen,
weil Deutschland als Gesamtganzes dadurch gewinnt, stärker wächst als vorher. Wie das? Ist
nicht die Konsumquote um so niedriger, je höher die Einkommen sind und andersrum und
deshalb die aggregierte Gesamtnachfrage einer Volkswirtschaft um so niedriger, je stärker die
Ungleichverteilung ist? Auch Sinn würde wohl kaum bestreiten, dass durch die von ihm vorgeschlagenen
Lohnsenkungen die Binnennachfrage weiter geschwächt wird. Aber das macht
ja nichts, weil wir jetzt unsere „Wettbewerbsfähigkeit“ wiedergewonnen haben. Will heißen:
Die ja nun noch größere Nachfragelücke im Binnenbereich wird nunmehr komplett durch
Exporte kompensiert; so lange, bis auf diese Art und Weise auch der letzte deutsche Arbeitslose
in Lohn und Brot gekommen ist.
Der Sinn-Plan funktioniert. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass der Rest der Welt es
einfach so hinnimmt, dass wir dem Rest der Welt dann doppelt und dreifach so viele Exportprodukte
um die Ohren hauen wie bislang schon der Fall, dass wir unseren Außenhandelsüberschuss
immer weiter ausweiten und deshalb das Außenhandelsdefizit andernorts immer
weiter zunimmt, dass wir unsere binnen-bedingte Arbeitslosigkeit bis zum letzten Mann exportieren
und sie deshalb entsprechend andernorts ebenfalls zunimmt, und dass das Ganze
andernorts nicht als pure Aggression empfunden wird. Dann, aber nur dann, funktioniert der
Sinn-Plan. Wenn es aber andernorts ebenfalls Experten gibt, die für ihre eigenen Volkswirtschaften
ähnlich glorreiche Vorschläge machen wie Sinn für die unsere, wovon wir getrost
ausgehen dürfen, dann funktioniert der Sinn-Plan natürlich nicht. Dann wäre auch andernorts
außer einer stärkeren Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen und einer entsprechenden
Ausweitung deflationärer Tendenzen nichts gewonnen und die deutsche Wettbewerbsfähigkeit
in Relation zum Rest der Welt wäre völlig unverändert. Sinn müsste dann –
konsequenterweise – erneut die verlorengegangene bzw. noch immer nicht wiederhergestellte
Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft anmahnen. Und dreimal dürfen wir raten,
welchen Lösungsvorschlag er uns dann unterbreiten würde. Ist Sinn noch zu retten?
Wer weiß. Was wir aber wissen, ist: So kann es nicht gehen. Ein John Maynard Keynes hätte
im Rahmen des nach ihm benannten Planes einem Deutschland wie dem heutigen ganz eindeutig
und unmissverständlich nicht etwa eine Absenkung, sondern im Gegenteil ein Anheben
der Löhne empfohlen. Ja, ist der denn verrückt? Nein, keineswegs. Keynes wusste noch:
So wie ein Land, das Importüberschüsse zeitigt, über seinen Verhältnissen lebt, so lebt ein
Land mit Exportüberschüssen unter seinen Verhältnissen; und im Falle Deutschlands eben in
dramatischer Größenordnung. Wenn dieser Situation nicht durch Lohnanhebung im Binnenbereich
begegnet wird, dann bringt man die Menschen in diesem Land, die nämlich übrigens
diese Exportüberschüsse erarbeitet haben, nicht nur um die vollständigen Früchte ihrer Arbeit,
sondern man nimmt den Volkswirtschaften andernorts auch die Luft zum Atmen: Denn
der solcherart andernorts erzwungene permanente Importüberschuss verhindert den Aufbau
einer gesunden Binnenwirtschaft und zwingt in die Verschuldung und ihre Konsequenzen,
weil dieser Importüberschuss nur finanziert werden kann mit geliehenem Kapital, welches aus
den Überschussländern stammt.
Aber jetzt ist ja Globalisierung und entsprechend steht die Drohung der Abwanderung von
Arbeitsplätzen im Raum. Diesbezüglich ist zunächst festzustellen, dass Deutschland ganz
offensichtlich ein sehr guter Standort ist; und zwar auch und gerade für Investoren, die hierzulande,
auch und gerade im internationalen Vergleich, sehr gute Gewinne erwirtschaften können,
u.a. weil sie eben nicht (mehr) befürchten müssen, dass die Gewerkschaften bis zur
Schmerzgrenze gehen. Aber es ist verständlicherweise noch verlockender, den VW in der
Slowakei zum dortigen Lohnniveau zu schrauben, um ihn anschließend hierzulande zu deutschen
Preisen zu verkaufen, auch wenn klar sein muss, dass das nicht sehr lange gut gehen
kann. Es kann aber vor allem auch nicht angehen, dass – u.a. mit dem weinerlichen Argument,
die Menschheit gehöre doch zusammen – sämtliche Dämme für Kapital und Güter eingerissen
werden, um anschließend – nunmehr wieder hübsch in nationalstaatlicher Konkurrenz
argumentierend – zu fordern, Steuern und Löhne zu senken, um „internationale Konkurrenzfähigkeit
wiederherzustellen“. Und um spätestens dann, wenn man andernorts ebenfalls
auf den Trichter gekommen ist, diese Forderung – mit derselben wohlfeilen Begründung – zu
wiederholen. Dieser Trick ist schon mal probiert worden; nicht nur aufgrund der Lobby der
Industrie, sondern auch und gerade auf Ratschlag der „Experten“. Es ging gründlich daneben.
Man nannte das Weltwirtschaftskrise. Die Konsequenzen sind bekannt.
Eine der Konsequenzen war die Etablierung eines theoretischen Gegenentwurfes – Keynesianismus
genannt – zur herrschenden Lehre, die nach dem Desaster eine Zeit lang auch recht
kleinlaut war, weil ihre Gleichgewichts-Phantasmagorien mit der Realität ganz offensichtlich
nichts zu tun haben. Weil aber die Borniertheit nicht ausstirbt, geht das jetzt alles wieder von
vorne los. Wenn Bertolt Brecht recht hatte mit seiner Feststellung, Geschichte wiederhole
sich nicht, es sei denn als Farce, dann ist das ja jetzt wohl die Farce. Nein: Die Suppe, die
global eingebrockt wurde, muss jetzt auch global wieder ausgelöffelt werden. Das demokratische
Korrektiv des ökonomischen Systems, das alleine in der Lage ist, der permanenten Neigung
zur Nachfragelücke dieses Systems entgegenzuwirken und es somit letztlich auch vor
sich selbst zu schützen, ist durch den Globalisierungsprozess auf nationalstaatlicher Ebene
verlorengegangen. Wenn jetzt schon die Überschussländer anfangen, ihre Löhne zu senken,
dann gnade uns Gott. Wenn es uns aber gelingt, das demokratische Korrektiv des ökonomischen
Systems ebenfalls zu globalisieren, dann sind wir noch zu retten, und Deutschland
auch, und Sinn auch.
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