„Jenseits von Knappheit. Wirtschaftswachstum als soziale Konstruktion“
von Bruno Ventelou1
Rezension von Antonia Hillebrand, Brüssel 2005
In den Grundlagenlehrbüchern der VWL wird Wachstum als Steigerung des BIP klassifiziert, die uns
hilft die natürliche Knappheit von Ressourcen zu überwinden und unsere unendlichen Bedürfnisse
zu befriedigen. Das Knappheitsaxiom bildet die Grundlage der ökonomischen Theorie. So schreibt
Mankiw: „Scarcity means that society has limited ressources and therefore cannot produce all the
goods and services people wish to have... Economics is the study of how society manages its scarce
ressources“2 Ausgehend von dem Konzept der Knappheit wurden weitere grundlegende Prinzipien
der klassischen ökonomischen Theorie wie Rivalität, Ausschluss und abnehmende Skalenerträge
abgeleitet.
Dieses klassiche Spannungsverhältnis zwischen angestrebtem Wachstum und durch Knappheit
begrenzter Welt hintefragt Bruno Ventelou grundsätzlich, in dem er die Knappheit der
Produktionsfaktoren als sozial konstruiert klassifiziert.
Der Rahmen
Bruno Ventelou forscht am französischen Observatorium für Wirtschafts-Konjunktur und lehrt am
Institut für politische Studien in Paris. Im Alter von 34 Jahren veröffentlichte er 2001 sein Buch
„Au-dela rareté“. Bereits einiges Jahre zuvor erschien sein erstes Werk in dem er sich mit der
keynesianischen Theorie auseinandersetzt, woran er auch in dem hier diskutierten Werk anknüpft.
Das 224 Seiten umfassende Werk gliedert sich neben Einleitung und Schlussteil in 5 große Kapitel.
Vorangestellt ist ein Vorwort von Bernard Maris, dem Verfasser von „Antimanuel d‘économie“3.
Der Stil ist eher journalistisch-essayistisch denn wissenschaftlich. So existieren weder
Schlagwortregister noch Bibliographie und sind die Literaturangaben ungenau. Allerdings bezieht er
sich auf eine Vielzahl von wirtschaftstheoretischen Veröffentlichungen in volkswirtschaftlichen
Fachzeitschriften wie dem Journal of Economic Theory oder dem Journal of Political Economy. Zur
Veranschaulichung verwendet er Graphiken, wie sie in den volkswirtschaftlichen Diskussionen gerne
verwendet werden und in die er soziologische Größen mit einbezieht, sowie Tabellen. Zur weiteren
Veranschaulichung bedient er sich konkreter Beispiele wie das eines spieltheoretischen
Versuchaufbaus und dem Doping-Problem bei der Tour de France. Die übergroße Anzahl an
Fußnoten hat meinen Lesefluss gehemmt, vieles davon hätte auch in den Text integriert werden
können. Insgesamt schreibt er sprachlich nachvollziehbar, strukturiert und anschaulich.
Der Inhalt
Bruno Ventelou bezieht sich nacheinander auf alle großen Strömungen der Wirtschaftstheorie und
ihrer Haltung zu Wachstum: Klassik nach Ricardo und Malthus, Neoklassik, Schumpeter, Keynes,
endogenes Wachstum, Koordinationsprobleme, Externalitäten und Spieltheorie. Nach der Theorie
geht er auf einige wirtschaftspolitische Anwendungsbereiche des Knappheitsaxioms ein, v.a. auf den
Arbeitsmarkt und den internationaler Wettbewerb. Er endet mit 5 Schlussfragen: nach der
Verantwortung der Ökonomen, der Verantwortung der Märkte, der Verantwortung der Institutionen,
der Existenz von Knappheit sowie abschließend dem "Schrecken der Moderne".
Laut Bruno Ventelou gibt es in der Tat eine natürliche, materielle Knappheit. Aber Dienstleistungen,
Ideen, Kommunikation etc. sind heutzutage wichtiger und immateriell. Hier ist Knappheit
konstruiert und ein Produkt von Konventionen. Es gibt eine Vielzahl von möglichen
gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichten. Welches tatsächlich erreicht wird, hängt von der
Koordination zwischen Wirtschaftssubjekten und ihrer pessimistischen oder optimistischen
Grundeinstellung ab.
Soziale Interaktionen außerhalb der Märkte seien wichtig und würden von den Klassikern
unterschätzt. Kooperation, Synergie, Externalitäten statt Konkurrenz bestimmten in der Realität das
wirtschaftliche Geschehen.
Die Rolle des Staates sei es zu koordinieren, Institutionen und Stabilität zu schaffen. Dies seien alles
Gedanken, die schon bei John Maynard Keynes nachzulesen seien. Politiker und Unternehmer seien
von der Fülle an Informationen und der Komplexität an Koordinationsmechanismen überfordert und
neigten daher zu Unter-Investition. Der weit verbreitete Rentabilitätsglaube sei zu kurzsichtig,
vernachlässige den Einfluss von Produktivität durch Externalitäten und verhindere langfristig
Wachstum.
Wenn Knappheit erwartet wird, dann entsteht auch Knappheit und umgekehrt. Auf Geld- und
Finanzmärkten wird gerne von dem Phänomen der Self-fullfilling Prophecies gesprochen, den sich
selbst erfüllenden Prophezeiungen. Wachstumsprognosen beeinflussen das Handeln jedes einzelnen
Wirtschaftssubjektes und somit das tatsächliche Wachstum. Optimismus, Vertrauen und Hoffnung
bringen einen Markt zum Erfolg. Dadurch sind die Spekulationsblasen auf den Finanzmärkten
entstanden, denen zunächst keine wirtschaftliche „Realität“ gegenübersteht. Eine Investition
verdrängt nicht zwangsläufig eine andere Investition, sondern kann weitere Investitionstätigkeit
stimulieren. Ergänzung statt Konkurrenz ist der bestimmende Faktor in einem Wirtschaftssystem,
das von Soziologen als Netzwerk aufgefasst wird. Überschuss und nicht Knappheit muss verwaltet
werden.
Einordnung in die zeitgenössische Debatte
Im großen und ganzen folgt Ventelou der Keynesianischen Sichtweise, dass reale Größen von
nominalen Größen beeinflusst werden können und dass staatliche Intervention erwünscht sei. So
bezieht er sich auch auf Keynes, betont, der habe ja alles schon gesagt, was er hier entdecke, und
richtet sich ausdrücklich gegen die Klassiker und Neo-Klassiker. Zeitweise entspricht seine
Unterscheidung zwischen „orthodox“ (= „naturalistisch“ = „ klassisch“ = „pessimistisch“ = „
schlecht“) und „heterodox“ ( = „voluntaristisch“ = „keynesianisch“ = „optimistisch“ = „gut“) nicht
den allgemeinen Kriterien. So sind z. B. die Begriffe der Synergie und de Externalitäten von den
Klassikern, namentlich Marshall, erfunden worden. Gleichzeitig zitiert er viele Ökonomen, die mir
aus der Wachstums- und Geldtheorie bekannt sind: Barro, Romer, Lucas, Kydland, Prescott,
Stiglitz.
Die ersten Theorien über sich selbst erfüllenden prophezeiungen, Erwartungen und Glauben nach
Keynes wurden im Rahmen der Geldtheorie entwickelt: Kydland, Prescott, Barro und Gordon.
Tatsächlich entstanden auf den Finanzmärkten Spekulationsbalsen, denen kein entsprechender
materieller Wer oder ein realer Marktwert gegenüberstand. Inzwischen sind viele dieser Balsen
geplatzt. Der Zuwachs von Reichtum war nur vorübergehend. Für ein nachhahltiges
Wirtschaftswachstum findet Bruno Ventelous Argumentation hier wenig Unterstützung.
Eine interessante Betrachtung, wie eine Wachstumsbarriere konstruiert wird, fand ich bei Gottfried Hilscher: Radikale Neuerungen und Innovationen seien nicht möglich, da jegliche Forschung, die sich zu weit vom Mainstream wegbewege durch das System unterdrückt werde. Staatliche und
private Fördermittel stünden nur für Forschungen mit abschätzbarem Risiko zur Verfügung. Das
seien in der Regel solche, die sich nicht zu stark vom „Mainstream“ weg bewegten. „Neues stört,
bringt Unsicherheit.“ Politiker befragten Experten, die für das Bekannte zuständig seien. „Nicht
etablierte, ergiebige Quellen für möglicherweise revolutionäre Innovationen, die selbstverständlich
auch innerhalb des Etablishments sprudeln, werden auf diese Weise isoliert und ausgegrenzt“ Aus
Rationalität werde Kurzsichtigkeit. Hilscher spricht von „struktureller Ignoranz“, d.h. einem Nicht-
Wissen-Wollen, das in der Gesellschaft verankert sei.4
Viele von Bruno Ventelous Kritikpunkte an der klassischen Theorie finden sich bei den
Wirtschaftsethnologen, den Soziologen und den Post-Autisten wieder. Letztere klassifizieren das
Menschenbild des Homo Oeconomicus als autistisch: Die sozialen und kooperativen Wesenszüge
des Menschen seien ebenfalls für sein Handeln bestimmend. Die in der Ökonomie aufgestellten
Theorien seien nicht zeit- und geschichtslos gültig. Die vorherrschende Wirtschaftswissenschaft sei
nur ein Blickwinkel auf die Wirklichkeit, zusammen mit anderen Disziplinen könnten sie die
Wirklichkeit besser erklären. Die methodische Orientierung der Wirtschaftswissenschaften an den
Naturwissenschaften führe zu einer Vernachlässigung des kulturellen und gesellschaftlichen
Kontexts.5
Bruno Ventelou geht nicht darauf ein, ob Wachstum nötig sei, sondern sagt nur, dass es möglich sei
und wie es erreicht werden könnte. Doch selbst hier schreckt er vor konkreten Handlungsanleitungen
zurück. Nicht nur orthodoxe WirtschaftswissenschaftlerInnen sondern auch Nahestehende
umweltpolitischer und globalisierungskritischer Bewegungen sprechen von einer „natürlichen“
Wachstumsrate. Nach dem Motto: Wachstum erdrückt den Menschen und sich selbst, bevorzugen
sie Umverteilung, um das Problem der Armut zu überwinden. Er läßt mich mit den Fragen zurück:
Wie ließe sich Wachstum steuern? Was sind die Folgen von Wachstum? Sind sie positiv? Obwohl er
kurz erwähnt, dass unser Begriff von Wachstum ein konventioneller durch die Definition des BIP
sowie der ökonomischen Theorie geprägten Begriffs ist, geht Bruno Ventelou ganz
selbstverständlich davon aus, dass es Fortschritt gab. Andere Ökonomen wie z.B. der Club of
Rome, attac und Umweltgruppen sind da skeptischer. Nach anderen Wachstumsindizes gab es in
den letzten Jahren trotz Steigerung des BIP kein qualitatives Wachstum also keinen Fortschritt.
Bruno Ventelou spricht von „Fortschritt“ ohne zu definieren, was für ihn Fortschritt bedeutet.
Lapidar stellt er zu Beginn fest, dass unser heutiges Lebensniveau dasjenige Ludwig XIV.
übertreffe.6 Er, der sich ausdrückliche gegen die „orthodoxe“ Wissenschaft wendet, hebt sich hier in
keinem Maße von eben dieser ab: „Die herrschenden ökonomischen Theorien, die ich grob in
Neoliberalismus und Neo-Keynesianismus unterteilen möchte, nehmen beide den Zwang zum
Wachstum als selbstverständlich hin; sie unterscheiden sich lediglich in den Konzepten, mit denen
sie Wachstum stimulieren möchten.“7
Fazit
Ich habe sein Werk mit interesse gelesen, da mir sein Titel viel versprechend klang. Anders als es
Bernard Marris‘ Vorwort impliziert, sind seine Gedankengänge jedoch wenig originell. Ich habe in
seinem Buch viel Vertrautes gefunden. Und konkrete Handlungsmöglichkeiten läßt er vermissen.
Auch ich sehe ein Wachstumspotenzial im immateriellen Bereich. Ich würde das aber nicht auf Ideen
beschränken, sondern auf andere Güter ausweiten. Menschen haben neben materiellen Bedürfnissen
auch den Wunsch nach Sicherheit, sozialen Bindungen, Freude, Macht, Prestige, freier Zeit.
Freundschaften kosten nichts und sind doch wertvoll. Freude kann durch vielfältige immaterielle
Faktoren hervor gerufen werden. Bei Macht und Prestige ist es schon fraglicher, ob das Streben nach
solchem nicht an seine Grenzen stößt, da es sich um relative Begriffe handelt. Aber Menschen sind
ja verschieden und streben nicht alle nach Macht und Einfluss. Das Phänomen, dass ich indem ich
was gebe (Freundlichkeit, Aufmerksamleit, Geschenk), etwas bekomme und nichts verliere
(Zuneigung, Ansehen, Aufemerksamkeit), eine Schöpfung ex nihilo sozusagen betreibe, finde ich
faszinierend. Eine andere Frage ist es, wie sich diese Überlegungen in ein Modell qualitativen
Wachstums einbauen ließen, denn die Probleme der Dritten Welt mit Prestige oder Freundschaft
lösen zu wollen, erschient noch kein sehr weit entwickeltes Konzept zu sein.
Soziale Beziehungen haben einen großen Einfluss auf das Verhalten eines jeden Menschen auch in
der Rolle als Marktteilnehmer. Ich teile Bruno Ventelous Ansicht, dass die soziale Dimension in der
volkswirtschaftlichen Diskussion und Lehre noch immer zu kurz kommt. Der Markt sollte sich dem
Menschen und dessen Wohlergehen („Glück“) unterordnen, nicht umgekehrt. Es gibt keinen
perfekten Markt und der Staat kann hier helfen. Aber auch „der Staat“ ist nicht perfekt, sondern nur
so gut, wie die Menschen, aus denen er besteht.
Viele Beispiele illustrieren gut, aber es sind auch bunte Bilder, die den Laien mit Semi-Wissenschaft
überzeugen sollen. Es ist und bleibt ein Buch für Politikwissenschaftler und Hobby-Ökonomen, die
sich gerne ihre politische Weltanschauung mit einprägsamen, plastischen Beispielen untermauern
lassen.
Wirklich viel steht nicht drinnen, was neu ist. Aber es ist eine interessante Kombination von der
Diskussion über die Bedeutung der sozialen Dimension und der konstruktivistischen Theorie für die
ökonomische Theorie. Ja, die Ökonomen sind autistisch. Aber Ventelou auch. Und er benutzt
geschickt Mittel des Marketings.
Schade ist es, dass er sich so sehr vor konkreten Schlussfolgerungen scheut. Was sollen wir denn
tun? Sein Ziel ist offensichtlich Wirtschaftswachstum, welches auch immer. Und der Staat soll es
erreichen, wenn dieser seinem eigenen opportunistischen Verhalten entkommen kann. Wo sollen wir
anfangen, pessimistisches und opportunistisches Verhalten zu verlassen? Der Mensch ist nun mal
dem Menschen ein Wolf. Und ich bleibe frustriert zurück. Eben noch schien die Lösung alles Elends
zum greifen nahe und nun entgleitet sie mir schon wieder, denn ich bin gefangen in dieser Welt, die
doch Bruno gerade als volontaristisch klassifiziert hatte.
1 Bruno Ventelou: Au-delà de la rareté. La croissance économique comme construction sociale, Paris 2001.
2 N. Gregory Mankiw: Principles of Economics, International Student Edition, Mason Ohio 2004, p.4.
3 Bernard Maris: Antimanuel d‘Economie, Rosny 2003.
4 Gottfried Hilscher: „Tanz um Tortenstücke - Was ist strukturelle Ignoranz“, Humanwirtschaft Zeitschrift für eine menschliche Marktwirtschaft, März/April 2005, S. 6ff.
5 http://www.paecon.de: Positionspapier des Arbeitskreis „Post-Autistische Ökonomie", Heidelberg Mai 2004.
6 Ventelou, 2001, Seite 11.
7 http://www.attac.de/wachstum: Jürgen Grahl: Über Wachstumsfetischismus, 2004.
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